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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Eine tödliche Spirale



dinslakenerloewe
20-07-2007, 10:41
München - Es ist erst zwei Monate her, dass T-Mobile-Sportdirektor Rolf Aldag, Teammanager Bob Stapleton, Kommunikationsdirektor Christian Frommert und Ex-T-Mobile-Profi Erik Zabel zur Pressekonferenz baten.

Der Hype der 90-er Jahre ist vorbei, sagt Ex-BDR-Präsidentin Sylvia Schenk
Unter Tränen gaben Aldag und Zabel Doping-Konsum Mitte der 90-er Jahre zu.

"Nun ist alles auf dem Tisch", hatte Stapleton damals gesagt, um im Anschluss für einen glaubhaften Neuanfang zu werben.
Der Radsport habe das verdient und auch die jungen Fahrer, betonte Aldag.
Nun steht der Fall des positiv getesteten Patrik Sinkewitz symbolisch für das Scheitern des Unterfangens.

Sinkewitz beantragt Öffnung der B-Probe

Auch wenn Sinkewitz nun die Öffnung der B-Probe beantragt hat und es nach ZDF-Informationen Hinweise auf einen möglichen Verfahrensfehler geben soll:
Der Rennstall wird einsehen müssen, dass er zwar im Kampf gegen Doping eine Vorreiterrolle spielt, doch eine kollektive Disziplinierung unmöglich ist.
Der Teamsponsor erwägt den Rückzug, Konsequenzen hatten auch die öffentlich-rechtlichen TV-Sender nach Bekanntwerden der positiven Dopingprobe gezogen.

Sport1.de sagt, welche Auswirkungen der Fall Sinkewitz noch haben kann.

Der Radsport und die Sponsoren:
Bei der Telekom gab es schon vor der Tour in Aufsichtsratskreisen Diskussionen über Kosten und Nutzen beim Radsportsponsoring. Etwa 15 Millionen Euro jährlich gibt das Bonner Unternehmen dafür aus. Schnellschüsse schloss Frommert zwar aus, doch mittlerweile erwägt man den Ausstieg. "Wir können nicht zur Tagesordnung übergehen", sagt der Kommunikationschef.
Bei Co-Sponsor adidas denkt man bereits laut über einen Ausstieg nach. "Wir prüfen derzeit die Lage. Die Tendenz geht Richtung Vertragsbeendigung", sagt Kommunikations-Direktor Jan Runau der "Welt". Adidas soll jährlich eine Million Euro gezahlt haben.

Auch beim zweiten deutschen Rennstall Gerolsteiner möchte man das Image des reinen Wassers nicht mit dem Dopingschmutz besudeln. 2008 läuft der Vertrag aus, Ende August soll entschieden werden, wie es weitergeht. Tendenz: negativ.

Sponsor Wiesenhof, Namensgeber des drittgrößten deutschen Rennstalls, hatte schon am Tag nach der Doping-Geständniswelle seinen Rückzug bekanntgegeben.

Bereits im Februar hatten 68 Prozent der Marketing-Experten in Unternehmen und Agenturen laut der Studie "Sponsor Visions 2007" das Sponsoring-Potenzial des Radsports auf dem absteigenden Ast gesehen. Ausschlaggebendes Argument: Die Doping-Schlagzeilen.

Der Radsport und die TV-Gelder:
Mehr als ein Drittel der Fernsehgelder der Tour de France stammen aus Deutschland. Mit dem Ausstieg von ARD und ZDF droht der Verlust wichtiger Einnahmequellen. Auch andere Veranstalter von Radrennen bekommen die Konsequenzen der Doping-Schlagzeilen zu spüren.
Die Traditionsrennen Friedensfahrt, die Rheinland-Pfalz-Rundfahrt und das ehemalige Weltcup-Rennen "Meisterschaft von Zürich" wurden beispielsweise abgesagt. Grund: Fehlende Finanzen, nachdem sich etwa Friedensfahrt-Hauptsponsor Skoda zurückgezogen hatte. Hauptgrund soll das Doping-Image gewesen sein.

ARD und ZDF ließen verlauten, dass man eine Option zur Übertragung der Tour ab 2009 nicht wahrnehmen werde, so lange man nicht von sauberen Rennen ausgehen kann.

Dass nun Sat.1 kurzfristig die Tour-TV-Rechte erworben hat, stieß in der Politik fast einstimmig auf Unverständnis. Klaus Riegert, sportpolitischer Sprecher der CDU, bezeichnete den Entschluss des Senders als "unsolidarisch", da der Tour-Ausstieg von ARD und ZDF das richtige Zeichen gewesen sei.

Der Radsport und sein Image:
Der Hype der 90-er Jahre ist vorbei, sagt Sylvia Schenk, Ex-Präsidentin des BDR: "Der Toursieg von Jan Ullrich hatte damals auch Auswirkungen auf den Verband. Immer mehr Kinder meldeten sich in Vereinen."
Mittlerweile würden sich Eltern jedoch Sorgen machen, "wenn sie ihre Kinder ins Training schicken", sagt Uwe Schulz, Präsident des Verbandes deutscher Radrennveranstalter.

Positive Doping-Tests, negative Schlagzeilen, ein angekratztes Image, fehlende TV-Präsenz und letztlich der Rückzug der Sponsoren - das könnte sich schnell zu einer Todesspirale entwickeln, meint Schenk: "Wer will schon seine Kinder mit Doping in Verbindung wissen?"

Der Radsport und seine Verantwortlichen:
"Ich würde die Köpfe austauschen", fordert Schenk. Im Radsport gäbe es immer noch genügend langjährige Sportler und Betreuer, die eine Dopingvergangenheit haben.
Dass diese Verantwortlichen ihre Meinung geändert haben, stellt nicht nur Professor Werner Franke in Frage: "Wer glaubt denn wirklich, dass sie sich geändert haben?"

Der Radsport und die Doping-Tests:
Dass Sinkewitz positiv getestet wurde, ist für die ehemalige Leichtathletin Ines Gneipel nur ein Signal, dass Kontrollen bei altbekannten Substanzen greifen: Hämoglobin und Insulin, transgenes Doping und echte Epo-Kontrollen seien bei der Tour de France nach wie vor kein Thema.
"Wir würden, glaube ich, sehr erschrocken sein, wenn hier ernsthafte Kontrollen stattfinden würden - bei den Substanzen, die wirklich relevant sind", sagte sie im ZDF.

Der Radsport und die Auswirkungen auf andere Sportarten:
"Wir sollten die Radsportler nicht zu Buhmännern machen, sie sind nicht die einzigen", meint Gneipel.
Der Tour-Ausstieg von ARD und ZDF sei ein Signal für die anderen Verbände, betont auch Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Ski-Verbandes: "Anderen Sportarten muss bewusst sein, dass bei Fehlverhalten die Gefahr besteh, dass es schmerzhafte finanzielle und wirtschaftliche Auswirkungen gibt."

Anja Schramm

Quelle: www.sport1.de